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Bestand

Identifikation

Bestandssignatur

IB Jüd Gemeinde Kreuzlingen

Zitierung

AfZ: IB Jüd Gemeinde Kreuzlingen

Kurztitel

Jüdische Gemeinde Kreuzlingen

Bestandsname

Jüdische Gemeinde Kreuzlingen
Archiv
1921-2009

Entstehungszeit

1935 - 2009

Umfang

5.35

Laufmeter

Kontext

Provenienz

Jüdische Gemeinde Kreuzlingen

Geschichte / Biografie

Die Jüdische Gemeinde Kreuzlingen (bis 1965 Israelitische Gemeinde Kreuzlingen) wurde am 27. August 1939 gegründet. Die Ursprünge des jüdischen Gemeinwesens in Kreuzlingen gehen ins späte 19. Jahrhundert zurück. Damals eröffneten jüdische Besitzer verschiedener Betriebe aus Konstanz und Umgebung Filialen in der Schweiz und einige liessen sich mit ihren Familien auf der Schweizer Seite der Grenze nieder. Die jüdischen Mitglieder beiden Ortschaften waren religiös, freundschaftlich und wirtschaftlich verbunden. Die Kreuzlinger Juden nahmen durch ihre Nähe zu Nazideutschland die antisemitische Verfolgung direkt wahr, besonders die Zerstörung der Konstanzer Synagoge 1938. Bereits 1936 war die jüdische Friedhofsgemeinschaft Kreuzlingen gegründet worden. Viele Juden wollten sich aufgrund der Situation in Deutschland nicht mehr dort begraben lassen. 1940 erreichte die Jüdische Gemeinde Kreuzlingen ihren Höchststand und hatte 120 Mitglieder.
Durch die vielfältigen Beziehungen zu Konstanz war die Flüchtlings- und Armenhilfe von Anfang an zentrales Anliegen der Jüdischen Gemeinde Kreuzlingen. Am 22. Oktober 1940 wurden die Konstanzer Juden zusammen mit 6500 pfälzischen, badischen und saarländischen Juden nach Gurs deportiert. Die Kreuzlinger Juden richteten sofort ein Hilfsbüro ein, welches von Erna Veit geleitet wurde. Die moralische und materielle Unterstützung dauerte bis zum Sommer 1942, als die verbliebenen Juden nach Auschwitz deportiert wurden. Nach Kriegsende organisierte die jüdische Gemeinde Kreuzlingen die Hilfe für die "Displaced Persons", welche aus den Lagern Theresienstadt und Bergen-Belsen nach Konstanz gebracht wurden. In Verbindung mit diesen Hilfsleistungen wurden zionistischen Bestrebungen gefördert, wie etwa die Ausreise der Flüchtlinge nach Palästina. Ebenfalls engagierte sich Kreuzlingen für die religiöse Betreuung von Flüchtlingskindern (RBK), welche vom VSJF koordiniert wurde. Die Kriegs- und Nachkriegszeit der jüdischen Gemeinde Kreuzlingen wurde stark von Robert Wieler geprägt. Er war von 1941-1951 Präsident, 1977 wanderte er nach Israel aus. Sein Nachfolger Herbert Dreifuss leitete die Gemeinde von 1952-1976.
In den 1950er Jahren fanden die Kreuzlinger Juden mehr Zeit, um eigene Gemeindestrukturen aufzubauen. Der Vorstand intensivierte den Religionsunterricht und die Jugendarbeit. Die Kreuzlinger Jugendgruppe war Mitglied der jüdischen Jugendorganisation Hanoar Haboneh. Vor allem in den 1960er Jahren veranstaltete sie zahlreiche Lager und Abendprogramme. Es fanden regelmässige Schabbat- und Feiergottesdienste und Vortragsrunden statt. Gezielte Öffentlichkeitsarbeit betrieb die Gemeinde jedoch nie. Im Unterschied dazu pflegte der Frauenverein der jüdischen Gemeinde Kreuzlingen aktive Beziehungen zu thurgauischen Frauenvereinen. Zudem unterstützten die Frauen zahlreiche bedürftige Gemeindemitglieder. Diese kulturelle und soziale Aktivität nahm in den 1970er und vor allem in den 1980er Jahren durch die Überalterung der Gemeinde stark ab. Viele Mitglieder zogen in grössere Städte mit besserer jüdischer Infrastruktur. Ein schwerer Verlust für die Gemeinde war der Tod des St.Galler Rabbiners Dr. Lothar Rothschild im Jahr 1974, welcher die Jüdische Gemeinde Kreuzlingen mehr als 30 Jahre betreut hatte. Die Gemeinde zählte 1989 nur noch 17 Mitglieder. Nach einstimmigem Beschluss der Mitgliederversammlung vom 21. Juni 2009 wurden die Thorarollen und das Mobiliar des Betsaals verschenkt. Das Präsidium teilen sich seit 2009 Dr. Rolf Hilb und Prof. Erhard Roy Wiehn.

Bestandsübernahme

2009-2011, 2017

Bestandsgeschichte

Die Übergabe des Bestandes erfolgte im Jahr 2009 durch Margot Dreifuss und Prof. Dr. Erhard Roy Wiehn. Direkter Vertragspartner ist der Gemeindepräsident Rolf Hilb. Die Unterlagen betreffend Gurs hat die jüdische Gemeinde Kreuzlingen bereits Yad Vashem übergeben. René Hornung lieferte noch einige Materialien, welche die Jugendgruppe Hanoar Haboneh betreffen. Der Bestand weist einige Schwerpunkte auf. Zentral sind die Akten, welche die Hilfe und den Wiederaufbau in der französischen Zone Deutschlands 1945-1948 behandeln. Diese Materialien betreffen nicht direkt das Gemeindeleben in Kreuzlingen. Sie enthalten vor allem die Korrespondenz des damaligen Präsidenten Robert Wieler, welche er unter anderem mit dem SIG, dem AJDC und der Israelitischen Gemeinde Konstanz geführt hat. Ergänzt werden diese Materialien durch die institutionellen Akten des Vorstandes wie Protokolle, Statuten, Mitgliederlisten und Rundschreiben. Neben dem Vorstand operierten die Friedhofsgemeinschaft und der jüdische Frauenverein Kreuzlingen relativ selbständig. Von diesen Vereinen sind eigene Protokolle, Statuten, Korrespondenz und Finanzen erhalten. Daneben gibt es Material betr. das Fürsorgewesen, die Jugendarbeit und den Zionismus. Interessant hierbei sind die Unterlagen, welche die schweizweite Vernetzung dokumentieren. Einen grossen Teil des Bestandes bilden die Finanzakten der Gemeinde. Die Dichte des Materials nimmt bereits in den 1960er Jahren stark ab. Nach Ende der 1980er Jahre sind nur noch einzelne Korrespondenzen und Finanzakten überliefert.

Literatur

Wiehn, Erhard Roy (Hg.): Jüdische Rückblicke auf die deutsch-schweizerische Grenzregion am Bodensee im 20. Jahrhundert. Gespräche in Israel, Konstanz und Kreuzlingen, Konstanz 2012.
Wiehn, Erhard Roy (Hg.): Die bittere Not begreifen. Deutsch-jüdische Deportiertenpost aus südfranzösischen Internierungslagern im Kontext der Hilfsaktion der Jüdischen Gemeinde Kreuzlingen Thurgau/Schweiz rund 75 Jahre danach zur Erinnerung 1940–1945, Konstanz 2016.

Inhalt und innere Ordnung

Bestandsinhalt

Administrative UnterlagenProtokolle, Statuten, Rundschreiben, Jahresberichte
FinanzenZahlungsbelege, Finanzkorrespondenz, Buchhaltung, Jahresrechnungen
KorrespondenzVorstandskorrespondenz, politische Behörden, jüdische Gemeinden, zionistische Vereinigungen
TätigkeitFlüchtlingshilfe, Zionistische Bestrebungen, Fürsorgekommission, Jüdischer Friedhof Bernrain, Schul- und Jugendkommission, Jüdischer Frauenverein

Bewertung/Kassation

Doppel und Unterlagen des SIG wurden kassiert.

Ordnung/Klassifikation

 

Zugang

Benutzbarkeit

Teilweise Gesuchspflichtig

Sprache(n)

deutsch, französisch

Findmittel

2010, 2012

Findmittel online

Ja

Verzeichniskontrolle

Bearbeitung im AfZ

Lea Ingber

Vorverzeichnung

 

Findhilfsmittel

 

Untereinheiten

1.: Organisation
2.: Finanzen
3.: Aussenbeziehungen
4.: Soziales
5.: Religiöse Angelegenheiten
6.: Schule und Jugend
7.: Jüdischer Frauenverein Kreuzlingen
8.: Filme