Merkliste anzeigen Detail
Bestand

Identifikation

Bestandssignatur

NL Georges Joseph Hofer

Zitierung

AfZ: NL Georges Joseph Hofer

Kurztitel

Hofer, Georges Joseph

Bestandsname

Einzelbestand
Georges Joseph Hofer
(1886-1956)

Entstehungszeit

ca. 1914 - 1950 er

Umfang

0.40

Laufmeter

Kontext

Provenienz

Hofer, Georges Joseph

Geschichte / Biografie

Hofer, Georges Joseph
16.12.1886-25.6.1956
angebl. Oberstbrigadier

Geb. in Kiew, Russland, als zweites von fünf Kindern (nach eigenen Angaben am 16.12.1894; auch Josef Georg bzw. Georges Joseph Charles; ergänzte den Familiennamen mit dem amtlich nicht verbürgten Zusatz "d'Hauv" bzw. "Baron d'Hauv"), katholisch, von Etziken SO, Sohn des Josef, Lederfabrikanten (nach Russland ausgewandert), und der Alvine Troelenberg, einer polnischen Adligen. Nachfolgende Angaben beruhen weitgehend auf Hofers umstrittener Selbstdarstellung: Hofers Vorfahren sollen angeblich seit 1125 im Dienste der Könige von England, Spanien und Frankreich gestanden sein; sich selbst bezeichnet er als überzeugten Monarchisten. 1919 Heirat in Shanghai mit Julie Kobylina (1885-1961), einer in Sibirien geborenen polnischen Fürstin; Ehe blieb kinderlos. Gymnasium am Collège Saint Michel in Fribourg. Danach Collège Supérieur de Notre-Dame du Mont Rolland in Dole (Franche-Comté, Frankreich). Rückkehr nach Russland; nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs Übersiedlung der Familie nach Frankreich. Eintritt mit zwei seiner Brüder in französische Kriegsdienste bei der 39. Division im 16-me Régiment de fer d'Infanterie, 1er Bataillon, 2-me Compagnie. 1914 Teilnahme an der Marne-Schlacht. Mehrfach verwundet in den Kämpfen in Flandern. 1916 Beteiligung an der Schlacht um Verdun. Wiederholte Beförderungen bis zum Rang eines Colonel (Oberst) und zahlreiche militärische Auszeichnungen. 1918 Teilnahme am französischen Expeditionskorps nach Sibirien während des Russischen Bürgerkriegs. Ende 1919 Verlegung in die französische Konzession nach Shanghai und Entlassung aus dem Korps. Danach Tätigkeit als Inspektor der französischen Konzession. 1937 zusammen mit anderen schweizerischen Staatsbürgern Evakuation vor den japanischen Invasoren von Shanghai nach Hongkong, dort bis 1940 Tätigkeit als Sprachlehrer. Nach der Besetzung von Hongkong durch die Japaner 1943 schlug er sich als Chinese verkleidet über Tschungking nach Burma durch, wo er bis 1945 in der britischen Armee unter General Francis Festing Kriegsdienst im Kampf gegen die Japaner leistete. 1944 schwere Verwundung. Ende 1945 Rückkehr nach Hongkong, 1945-1949 Zeughausinspektor im Rang eines Obersten bei der englischen Kolonialarmee, 1948 Beförderung zum Oberstbrigadier, 1949 Quittierung des Dienstes. 1949 Gesuch beim Schweizer Konsulat in Hongkong um Repatriierung infolge Erwerbslosigkeit und Verlusts der Wohnung. 9. September 1949 Einschiffung in Hongkong mit Zielhafen Genua mit Zwischenlandungen u.a. in Singapur, Colombo und Suez. 15. Oktober 1949 Ankunft in der Schweiz, mittellos und unterstützungsbedürftig. Zuerst vorübergehend in Bern wohnhaft, dann im Asyl St. Elisabeth in Bleichenberg SO, ab ca. 1953 im Bürgerheim Dagmersellen LU, ab ca. Juli 1955 bis Mitte Juni 1956 in Kallnach BE, zuletzt in Solothurn in der Kantonalen Heil- und Pflegeanstalt Rosegg. Gest. in Solothurn.
In der Schweiz soll Hofer an seinen Memoiren geschrieben haben. Meist trug er seine mit Auszeichnungen geschmückte britische Offiziersuniform, was die Bundespolizei auf den Plan rief. Gemäss ihren Abklärungen beim britischen War Office existieren keine Belege für Hofers Dienst bei der britischen Armee, so dass seine Darstellung als unwahr taxiert wurde. Stattdessen habe er in Hongkong als Masseur gearbeitet und die Stadt auch während der Besatzungszeit nicht verlassen. Nach dem Krieg soll er eine bescheidende Anstellung als Zeughauswächter beim britischen Platzkommando von Hongkong innegehabt haben, die er 1947 verlor (gemäss Arbeitszeugnis der Headquarters Land Forces Hong Kong 1946-1947 Anstellung als Zivilist beim Royal Army Ordnance Corps). Danach – wie schon während des Kriegs – Unterstützung durch das Schweizer Konsulat in Hongkong und die Swiss Association of Hongkong. Hofers Soldatenleben soll in Wirklichkeit bereits im Jahre 1920 als "Soldat 2. Klasse" in französischen Diensten geendet haben – demnach wäre auch die Offizierskarriere bis zum Rang eines Obersten im Ersten Weltkrieg erfunden. Der schweizerische Konsul in Hongkong attestierte Hofer eine "milde Pseudomanie" und riet zur Vorsicht gegenüber seinen Angaben. Selbst Hofers eigene Äusserungen sind nicht frei von Widersprüchen: So etwa bezeugte er – im Widerspruch zu seinem angeblichen Engagement in der britischen Armee – in einem ca. 1945/46 eidesstattlich abgegebenen Statement, er sei 1943/44 in Hongkong Opfer von Folterungen durch die Japaner geworden, weil er sich einer Kollaboration widersetzt habe. Gemäss dem schweizerischen Konsul in Hongkong sind auch die angeblichen Folterungen frei erfunden.

Bestandsübernahme

2014

Bestandsgeschichte

Nach dem Tod Hofers ist sein Nachlass auf dem Estrich einer Pension in Kallnach verblieben, wo dieser seinen letzten Wohnsitz hatte, bevor er im Juni 1956 – kurz vor seinem Hinschied – in eine Heil- und Pflegeanstalt in Solothurn eintrat. Freddy Röthlisberger, Sohn der damaligen Pensionsinhaberin, hat die noch erhaltenen Unterlagen aus dem Nachlass 2010 Klaus Urner geschenkt, der diese 2014 dem AfZ übergeben hat.
Im Bestand selbst finden sich nur lückenhafte Angaben zur Person Hofers, so dass sich weitergehende Recherchen aufdrängten. Als ergiebig erwiesen sich dabei drei Dossiers aus dem Schweizerischen Bundesarchiv, welche den Schluss nahelegen, dass es sich bei Hofer um einen notorischen, geltungssüchtigen Hochstapler handelt. Dadurch stellt sich die Frage nach dem Quellenwert seiner sechsbändigen Aufzeichnungen zum Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg an der Seite Frankreichs: Inwieweit haben diese noch den Charakter eines authentischen Zeitzeugnisses eines unmittelbar am Geschehen Beteiligten in verantwortlicher Position, oder handelt es sich dabei weitgehend lediglich um das Phantasieprodukt eines zweifellos belesenen und mit den Einzelheiten des Kriegsverlaufs vertrauten Zeitgenossen und "Soldaten zweiter Klasse", der zumindest nicht in der beschriebenen Weise und Funktion am Kriegsgeschehen beteiligt war?

Literatur

 

Inhalt und innere Ordnung

Bestandsinhalt

BiografiePersonendossiers aus den Beständen der Bundespolizei, des Schweizerischen Konsulats in Hongkong und des Schweizerischen Generalkonsulats in Genua (Schweizerisches Bundesarchiv, Bern)
ManuskripteErinnerungen an den Kriegsdienst an der Seite Frankreichs im Ersten Weltkrieg 1914-1920
DokumentationBilder aus Illustrierten (Alben): Militärische und politische Führer, gekrönte Häupter der Entente-Mächte zur Zeit des Ersten Weltkriegs; König Georg VI. u.a., ca. 1914 - 1950er Jahre

Bewertung/Kassation

Die erhalten gebliebenen Unterlagen aus dem Nachlass Hofer wurden integral übernommen und archiviert - auf Kassationen wurde verzichtet.

Ordnung/Klassifikation

 

Zugang

Benutzbarkeit

Frei

Sprache(n)

Französisch, Englisch, Deutsch, Italienisch

Findmittel

2014

Findmittel online

Ja

Sachverwandte Unterlagen

Verwandtes Material

Schweizerisches Bundesarchiv, Bern: Fallakten Hofer in den Beständen der Bundespolizei sowie der Schweizer Vertretungen in Hongkong und Genua (digitale Kopien im Bestand)

Verzeichniskontrolle

Bearbeitung im AfZ

Werner Hagmann

Vorverzeichnung

 

Findhilfsmittel

Klaus Urner (Angaben zur Biografie, November 2010)

Untereinheiten

1.: Biografie
2.: Erinnerungen an den Kriegsdienst an der Seite Frankreichs im Ersten Weltkrieg
3.: Bilder aus Illustrierten (in Alben eingeklebt)