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Bestand

Identifikation

Bestandssignatur

IB SIG-Archiv

Zitierung

AfZ: IB SIG-Archiv

Kurztitel

SIG-Archiv

Bestandsname

Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (SIG)
(gegr. 1904)
Archiv

Entstehungszeit

1902 - 2015

Umfang

67,50

Laufmeter

Kontext

Provenienz

Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (SIG)

Geschichte / Biografie

Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (SIG)
Gegr. 1904

Daten zur Geschichte
Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) konstituierte sich am 27. Nov. 1904 in Baden. Als Dachorganisation von zunächst 13 jüdischen Gemeinden war es sein erklärtes Hauptziel, das im Jahr 1893 in die Schweizerische Bundesverfassung aufgenommene Schächtverbot aufzuheben. Trotz der verfassungsmässigen Gleichstellung von 1874 existierten weiterhin vielfältige Formen der Diskriminierung gegenüber jüdischen Bürgern, wie zum Beispiel eine restriktive Einbürgerungspraxis gegenüber jüdischen Zuwanderern, die es zu bekämpfen galt. Seit dem Ersten Weltkrieg weiteten sich die Aufgaben des SIG aus (Verwaltung jüdischer Friedhöfe, Zentralisation der Armenpflege, Vermittlung von jüdischen Wanderlehrern, Feiertagsurlaube für jüdische Soldaten, Engagement für notleidende Juden in Pogromländern). 1926 erhielt der SIG von den Behörden die ausschliessliche Einfuhrlizenz für geschächtetes Fleisch.
1929 begann der SIG eine Zusammenarbeit mit der Jewish Agency for Palestine und baute in der Folge seine Beziehungen zu zionistischen und nichtzionistischen jüdischen Organisationen aus. Als die Frontenbewegung offen gegen jüdische Personen und Geschäfte in der Schweiz zu hetzen begann, setzte sich der SIG aktiv zur Wehr. Er gründete 1936 die Pressestelle "Jüdische Nachrichten" (JUNA), die mit ihrem Informationsdienst gegen den zunehmenden Antisemitismus ankämpfte. Seit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und verstärkt seit dem "Anschluss" Österreichs 1938 wurde die Betreuung jüdischer Flüchtlinge zu einer Hauptaufgabe des SIG.
Die Schweizer Behörden verlangten vom SIG, dass er selbst für eine baldige Weiterwanderung der Flüchtlinge und für deren finanziellen Unterhalt sorgen müsse. Die Hilfstätigkeit des SIG, die durch die im JOINT zusammengeschlossenen amerikanisch-jüdischen Hilfsorganisationen unterstützt wurde, nahm der "Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen/Flüchtlingshilfen" (VSJF) wahr (vgl. dessen Archiv im AfZ sowie den Mikrofilmbestand JOINT Saly Mayer Collection im AfZ aus dem JOINT-Archiv in New York). Der grosse menschliche und finanzielle Einsatz des SIG zugunsten der vom Holocaust bedrohten Glaubensgenossen prägte die Arbeit während des Zweiten Weltkriegs.
Nach Kriegsende erweiterte sich der Aufgabenbereich erneut. Mit der Kommission "Hilfe und Aufbau" unterstützte der SIG jüdische Gemeinden in Europa nach dem Holocaust und half vielen heimatlosen Jüdinnen und Juden bei der Weiterwanderung nach Israel und nach Übersee. In der Schweiz wurde die jüdische Gemeindearbeit im kulturellen und religiösen Bereich gepflegt und ausgebaut. Eine neue Phase begann auch im christlich-jüdischen Dialog.
Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, die Hilfe für die Opfer und die Aufarbeitung der schweizerischen Flüchtlingspolitik blieben ständige Anliegen, für die sich der SIG einsetzte. Das Archiv des SIG dokumentiert die genannten Aktivitäten und zahlreiche andere Themenbereiche. Die wichtige Rolle des SIG als politische Interessenvertretung seiner Mitgliedgemeinden wie auch der Schweizer Juden und Jüdinnen überhaupt und als Ansprechpartner für die Bundesbehörden wird aus den vorliegenden Akten sichtbar.

Institutionelle und personelle Entwicklungen innerhalb des SIG
Die Arbeit des 1904 gegründeten SIG beruhte zunächst auf einem reinen Milizsystem. Engagierte Mitglieder der jüdischen Gemeinden, die den Dachverband bildeten, befassten sich ehrenamtlich mit den laufenden Geschäften. Als Exekutivorgan stand dem Präsidenten ein "Central-Comité" zur Seite. Dieses bestand zuerst aus sieben, später aus bis zu fünfzehn Mitgliedern. Ab 1932 wurde innerhalb dieses "Central-Comités" ein so genannter "Arbeitsausschuss" (ab 1936 "Geschäftsausschuss") gebildet, der für die laufenden Geschäfte zuständig war. Die "Legislative" des SIG bildete die Versammlung der Delegierten der Mitgliedsgemeinden (Delegiertenversammlung), die einmal jährlich tagte.
Erst die Erfordernisse auf Grund der Bedrohung durch die Frontenbewegung und den Nationalsozialismus sowie die Betreuung der Flüchtlinge während des Zweiten Weltkrieges machten den Ausbau einer umfassenderen Infrastruktur des jüdischen Dachverbandes notwendig. In diesem Kontext kam es 1943/1944 zu einer grundlegenden Reorganisation des Gemeindebundes.
Das Central-Comité und der Geschäftsausschuss wurden als Exekutivorgane von einer Geschäftsleitung abgelöst. Das Central-Comité bestand zwar weiterhin, übernahm jedoch nur noch die Funktion eines Bindeglieds zwischen der Geschäftsleitung und der Delegiertenversammlung. Der Geschäftsausschuss wurde aufgelöst.
Die Geschäftsleitung bestand aus sieben Mitgliedern, denen erstmals klare Geschäftsbereiche, so genannte Ressorts, zugeteilt wurden. Diese Ressorts veränderten sich im Laufe der Zeit, umfassten aber im Wesentlichen die Bereiche "Abwehr und Aufklärung" (Bekämpfung des Antisemitismus), "Jugend", "Kulturelles", "Religiöses" sowie "Flüchtlinge und Soziales". Als Mitglied der Geschäftsleitung unterstand dem Präsidenten ausserdem das so genannte "Präsidialressort". Dieses umfasste repräsentative Tätigkeiten sowie diverse besonders wichtige Themenbereiche wie den Umgang mit "Nachrichtenlosen Vermögen" und den Rechtsschutz für Juden im Ausland. Der Vizepräsident konnte in Stellvertretung des Präsidenten dessen Aufgaben wahrnehmen.
Die Arbeit des SIG war jedoch auch nach 1944 nicht ausschliesslich von den Ressorts, sondern zugleich sehr stark von einzelnen Kommissionen geprägt. Diese wurden nach Bedarf innerhalb der Ressorts gebildet. Von grosser Bedeutung waren beispielsweise die "Kommission für Koscherfleischversorgung", die "Kommission zur Bekämpfung des Antisemitismus" oder in der Nachkriegszeit die "Kommission für Hilfe und Aufbau".
Im Zusammenhang mit dem Ausbau und der Reorganisation des SIG um 1944 wurde in Zürich erstmals ein ständiges SIG-Sekretariat eingerichtet. In den ersten Jahrzehnten seines Bestehens hatte der SIG über keine fest etablierte Infrastruktur mit eigenen Büroräumlichkeiten verfügt. Der offizielle Sitz des SIG befand sich jeweils am Wohnort des amtierenden Präsidenten. Ab 1929 hatte Saly Mayer die Funktion eines Sekretärs von seinem Wohnort St. Gallen aus übernommen, obwohl der SIG-Präsident Jules Dreyfus-Brodsky von Basel aus arbeitete. Erst 1943, nach dem Rücktritt Saly Mayers als SIG-Präsident, wurde unter Leo Littmann ein festes Sekretariat eingerichtet, das sich unabhängig von den Wohnorten der jeweiligen Präsidenten oder Sekretäre ständig in Zürich befand.
Leo Littmann nahm seine Funktion als SIG-Sekretär bis 1970 wahr. Abgelöst wurde er von Willy Guggenheim, der bis 1991 für den SIG tätig war. Unter ihm wurde das Amt des Sekretärs ausgeweitet. Als so genannter Generalsekretär übernahm Willy Guggenheim für den SIG ab 1971 auch zahlreiche repräsentative Aufgaben.

Als Präsidenten amteten im Zeitraum 1904-1985 Hermann Guggenheim (1904-1914), Jules Dreyfus-Brodsky (1914-1936), Saly Mayer (1936-1943), Saly Braunschweig (1943-1946), Georges Brunschvig (1946-1973), Jean Nordmann (1973-1980) und Robert Braunschweig (1980-1988).

Entwicklung 1986-2005
Die Akten der Jahre 1986-2005 spiegeln die schon in den Nachkriegsjahren einsetzende zunehmende Institutionalisierung und Professionalisierung des SIG und seiner Strukturen sowie der Funktion des Generalsekretärs. Die Ressorts erfuhren inhaltliche Umgestaltungen, wurden mit anderen zusammengelegt, ausgebaut oder umbenannt. Das Ressort «Abwehr und Aufklärung» beispielsweise wurde 1971 in «Presse und Information» umbenannt, 1974 mit dem Präsidialressort zusammengelegt und ging 1996 im Ressort «Kommunikation» auf. Im Jahr 2000 fiel ein Teil der Aufgaben des ehemaligen Ressorts «Abwehr und Aufklärung» dem neu entstandenen Ressort «Ausbildung und Dialog» zu. Seit 2004 existiert das Ressort «Prävention und Information», welches nun diese Aufgaben wahrnimmt. 1995 wurde der VSJF, der seit Jahrzehnten als Abteilung des SIG ohne eigene Rechtsform für soziale Aufgaben wie die Flüchtlingsbetreuung zuständig war und ist, zu einem eigenständigen Verein.
Die Umstrukturierungen innerhalb des SIG sind Zeichen dafür, wie sich der Verband an gesamtgesellschaftliche Veränderungen, an die Veränderungen in den jüdischen Gemeinschaften der Schweiz sowie die jeweiligen politischen Gegebenheiten anzupassen versuchte. Das prägendste Thema der Jahre 1986-2005 und wohl eines der prägendsten der bisherigen SIG-Verbandsgeschichte überhaupt, das dem von 1992-2000 amtierenden Präsidenten Rolf Bloch und allen SIG-Mitarbeitern und -Mitarbeiterinnen eine äusserst turbulente und arbeitsintensive Zeit bescherte, war die vom US-Aussenministerium und dem Jüdischen Weltkongress angestossene Hinterfragung und damit zusammenhängend die Aufarbeitung der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Der SIG sah sich in der schwierigen Position, einerseits – wie es seit jeher seine Aufgabe war - jüdische Interessen zu vertreten, andererseits aber auch für eine faire Behandlung der Schweiz einzustehen. «Gerechtigkeit für das jüdische Volk – Fairness gegenüber der Schweiz» lautete denn auch die Maxime, die er als Reaktion auf das Geschehen fasste. Der SIG übernahm eine vermittelnde Rolle zwischen den Schweizer Banken und Behörden und dem Jüdischen Weltkongress (WJC). Als Dachverband der (meisten) jüdischen Gemeinden in der Schweiz und in der Öffentlichkeit präsente Grösse wurde er in dieser Zeit vermehrt zur Zielscheibe von antisemitischen Angriffen, wovon die im Archiv vorhandenen Zusendungen zeugen. 1997 wurde von der Eidgenossenschaft der Schweizer Spezialfonds zugunsten bedürftiger Opfer des Holocaust ins Leben gerufen, für dessen Schaffung sich der SIG eingesetzt hatte. Die Leitung wurde Rolf Bloch übertragen. Der Fonds leistete zwischen 1997 und 2001 rund 312'215 Betroffenen mit einem Solidaritätsbeitrag Hilfe. Mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg war die im Dezember 1996 von der Schweizerischen Bundesversammlung eingesetzte Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg unter der Leitung von Prof. Jean-Francois Bergier betraut, die ihren Schlussbericht im März 2002 präsentierte. Diese Aufarbeitung war nicht zuletzt auch dank Einbezug der Archive des SIG und des VSJF möglich und wurde vom SIG sehr begrüsst. Die Rolle des SIG selber wurde mit dem Buch «Hilfe und Ohnmacht» des Historikers Stefan Mächler untersucht und aufgearbeitet. Publiziert wurde es in der SIG-eigenen Reihe.
Nebst dem «grossen» Thema «Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg» prägten aber auch andere Themen und Entwicklungen die Zeitspanne von 1986-2005. So beschäftigte die Frage nach der Aufnahme der beiden liberalen Gemeinden Or Chadasch (Zürich) und Communauté Israélite Libérale de Genève (GIL) den SIG weiterhin, wobei es zu keiner Einigung unter den Mitgliedgemeinden kam. Auch der Kampf gegen den Antisemitismus blieb – als Kontinuum seit der Gründung – ein Hauptanliegen. Ein wichtiges Ereignis war hier die Abstimmung über die Einführung der Rassismus-Strafnorm im September 1994. Am Abstimmungskampf beteiligte sich der SIG aktiv. 2001 wurde das Projekt Likrat initiiert, das jüdische Jugendliche darauf vorbereitet, an öffentlichen Schulen über ihre Religion und ihr Alltagsleben zu berichten und mit den Schülerinnen und Schülern in einen Dialog über das Judentum zu treten.
1990, nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch des Ostblocks, gründete der SIG den «Fonds für die Juden in der Sowjetunion», der vom VSJF betreut wurde. Ziel des Fonds war es, die religiöse und kulturelle Identität der jüdischen Gemeinschaften in der Sowjetunion zu erhalten und zu stärken. Unterstützt wurden beispielsweise Aktivitäten der «Aktionsgemeinschaft für die Juden in der Sowjetunion».

Als Präsidenten amteten im Zeitraum 1986-2005 Robert Braunschweig (1980-1988), Michael Kohn (1988-1992), Rolf Bloch (1992-2000) und Alfred Donath (2000-2008). Das Amt des Generalsekretärs versahen Willy Guggenheim (1970-1991), Martin Rosenfeld (1992-2000) und Dennis Rhein (2001-2007).

Bestandsübernahme

1998, 2000, 2008, 2011, 2015

Bestandsgeschichte

Bei der Übernahme des historischen Archivs des SIG im Jahr 1998 wurde für die Ablieferung das Jahr 1985 als Zäsur gesetzt (SIG-Archiv Ablieferung A, 34 Lfm). Durch die Geschäftsablage und Dossierführung findet sich jedoch in wenigen Fällen auch Material, das über diesen Zeitraum hinausreicht. Die 2008, 2011 und 2015 übernommenen Nachlieferungen umfassen zusammen den Zeitraum 1986-2005 (SIG-Archiv Ablieferung B), jedoch gibt es auch hier Unterlagen, die zeitlich ausserhalb liegen.
Die Nachlässe des grössten Teils der SIG-Präsidenten konnten vom AfZ gesichert und als ergänzendes Material zum SIG-Archiv zur Verfügung gestellt werden, so von Saly Mayer (Präsidentschaft 1936-1943), Saly Braunschweig (Präsidentschaft 1943-1946), Georges Brunschvig (Präsidentschaft 1946-1973), Jean Nordmann (Präsidentschaft 1973-1980), Robert Braunschweig (Präsidentschaft 1980-1988), Michael Kohn (Präsidentschaft 1988-1992) und Rolf Bloch (Präsidentschaft 1992-2000). Ergänzendes Material zu Saly Mayer als Vertreter des Joint zwischen 1940 und 1950 erhielten wir vom Archiv des American Jewish Joint Distribution Committee, New York, in Form von Mikrofilmen. Weitere SIG-nahe Bestände im AfZ sind u.a. das JUNA-Archiv (Jüdische Nachrichten), der IB Prozess David Frankfurter, der NL Benjamin Sagalowitz, der NL Georg Guggenheim, der IB Prozesse der Weisen von Zion, der IB VSJF-Archiv sowie die Akten von Dr. Gerhardt Riegner als Mikrofilm-Bestand "Archives of the Geneva office of the World Jewish Congress" aus dem Central Zionist Archives Jerusalem.
Ablage und Ordnung:
Der SIG verfolgte über die Jahre kein konstantes, einheitliches Ablagekonzept. Bis in die 1950er Jahre fehlte zum Teil das Bewusstsein für den historischen Wert der eigenen Unterlagen. Systematisch aufbewahrt wurden vor allem die Akten zu den Themen Antisemitismus und Schächtverbot, da der SIG und seine Pressestelle JUNA diese Unterlagen für die eigene Arbeit in diesen Bereichen zur Dokumentation benötigten.
Der Aufbau des SIG-Archivs richtet sich weitgehend nach den 1944 geschaffenen Ressorts. Eine Ausnahme bildet der Bereich "Schächtfrage und Koscherfleischversorgung", der offiziell zum Ressort "Religiöses" gehörte, in der Ablage jedoch einen eigenen Bereich bildet. Dies wurde vom AfZ so gehandhabt, weil die betreffenden Akten bis in die Gründungszeit des SIG zurückreichen und weil sie auch vom SIG immer separat abgelegt und aufbewahrt worden waren. Die übrigen Akten aus der Zeit vor 1944 wurden im Erschliessungsprozess nachträglich den Ressorts zugeordnet, sofern sie der SIG thematisch abgelegt hatte.
Bei der Ordnung des SIG-Archivs mussten zahlreiche Probleme gelöst werden. Das Ausmass der Lücken im überlieferten Material erwies sich letztlich jedoch geringer als ursprünglich befürchtet. Vieles, was auf den ersten Blick als Lücke erschien, lässt sich durch Veränderungen innerhalb der Institution oder im Ablagesystem des SIG erklären. Das gleiche gilt für die teilweise komplexe Struktur der Ablage. Dementsprechend veränderte sich auch das vom SIG überlieferte Material im Laufe seiner Geschichte. Themen und damit verbundene Sachgeschäfte gewannen in gewissen Zeitabschnitten an Bedeutung, wie beispielsweise die Nachrichtenlosen Vermögen (vgl. SIG-Archiv A.3.5.), und verloren diese später wieder. Initiativen, unter anderem für ein SIG-Bulletin, wurden lanciert, wieder aufgegeben und zu einem späteren Zeitpunkt möglicherweise erneut aufgenommen (vgl. SIG-Archiv A.1.8.). Auch die institutionellen Strukturen veränderten sich laufend: Kommissionen oder Gremien wurden gebildet und wieder aufgelöst. So existierte der Geschäftsausschuss des SIG beispielsweise nur von 1932-1944. 1944 übernahm die neu gegründete Geschäftsleitung dessen bisherige Aufgaben (vgl. SIG-Archiv A.1.5.). Zahlreiche Arten von Unterlagen sind aus diesem Grund nur für wenige Jahre vorhanden.
Bis in die 1940er Jahre - aber teilweise auch noch später – legte der SIG seine Akten nicht zentral in einem Sekretariat ab. Sie wurden meistens von den einzelnen SIG-Exponenten in ihren privaten Räumlichkeiten aufbewahrt. Noch heute befinden sich zahlreiche SIG-Akten in den privaten Nachlässen dieser Personen und nicht im eigentlichen SIG-Archiv. Ein Teil dieser Nachlässe werden heute aber ebenfalls im AfZ als Privatnachlass aufbewahrt und sind so der Forschung gemeinsam mit dem SIG-Archiv zugänglich. Jene Akten, die von den SIG-Exponenten selber nachträglich dem SIG übergeben wurden, sind innerhalb des SIG-Archivs erschlossen. Sie unterscheiden sich aber in der Art der Ablage teilweise von den zentral abgelegten Akten. Auf ihre ursprüngliche Provenienz wird in den Aktentiteln hingewiesen. Die Ablage durch den SIG erfolgte wechselweise thematisch, nach Gremien oder nach Personen. Diese Struktur konnte im Erschliessungsprozess des AfZ nicht rückgängig gemacht werden. Sie führt dazu, dass sich an vielen Orten in der Ablage vermeintliche Lücken befinden, die jedoch nur durch diese Wechsel im Ablagesystem bedingt sind: So befinden sich beispielsweise die Präsidialakten von Saly Mayer (vgl. SIG-Archiv A.3.1.3.) und von Georges Brunschvig (vgl. SIG-Archiv A.3.1.5.) bis 1965 grösstenteils thematisch abgelegt in den betreffenden Ressorts. Die Korrespondenz der Geschäftsleitung des SIG wurde erst ab 1969 konsequent unter diesem Gremium abgelegt (vgl. SIG-Archiv A.1.6.3.). Für die Zeit von 1944-1969 befinden sich auch diese Akten weitgehend thematisch abgelegt in den einzelnen Ressorts, denen die GL-Mitglieder vorstanden.
Im Archiv des SIG fehlen hingegen tatsächlich zentrale Akten zur Betreuung von Flüchtlingen in der Schweiz. Dies liegt daran, dass die Akten von Saly Mayer – der sowohl für den JOINT als auch den SIG tätig war – nach seinem 1950 erfolgten Tod in das JOINT-Archiv in New York gelangten. Auf Mikrofilmkopien sind aber auch diese Unterlagen seit einigen Jahren im AfZ einsehbar (vgl. AfZ JOINT Saly Mayer Collection).
Für den SIG relevante Akten befinden sich ausserdem in den Archiven der zum SIG gehörenden Institutionen JUNA und VSJF (beide im AfZ), die nicht dem SIG-Archiv eingegliedert wurden. Auch deshalb sollte das SIG-Archiv nicht isoliert, sondern je nach Rechercheschwerpunkt gemeinsam mit anderen Aktenbeständen konsultiert werden.
SIG-Archiv Ablieferung B (Nachlieferungen 2008, 2011 und 2015)
Die Ablieferung B des SIG-Archivs umfasst im Wesentlichen die Unterlagen der Jahre 1986-2005. Diese wurden, anders als diejenigen der Ablieferung A, zentral und konsistent abgelegt, so dass die einzelnen Dossiers in den meisten Fällen direkt übernommen und verzeichnet werden konnten. Einige Einheiten, die von ihrer Laufzeit her zur Ablieferung A gehören, wurden dort integriert, es handelt sich vor allem um Dossiers zu den Themen «Jüdische Bevölkerung in der Schweiz» (vgl. SIG-Archiv A.2.7.; statistisches Material), «Jüdischer Friedhof Davos» (vgl. SIG-Archiv A.7.9.1.) und «Schächtfrage und Koscherfleischversorgung» (vgl. SIG-Archiv A.9.). Diese sind anhand ihrer Signatur zu erkennen (3104 und höher). Nicht übernommen werden konnten die Unterlagen von Alfred Donath, der von 2000-2008 als SIG-Präsident amtete, womit sich für diese Zeit für die Präsidialakten eine Lücke ergibt.

Literatur

Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund 1904-1954: Festschrift zum 50jährigen Bestehen, hg. vom SIG, Basel 1954.
Weldler-Steinberg, Augusta: Geschichte der Juden in der Schweiz vom 16. Jahrhundert bis nach der Emanzipation, bearb. und ergänzt durch Florence Guggenheim-Grünberg, hg. vom SIG, Goldach, Bd. 1 1966, Bd. 2 1970.
Picard, Jacques: Die Schweiz und die Juden 1933-1945: Schweizerischer Antisemitismus, jüdische Abwehr und internationale Migrations- und Flüchtlingspolitik, Zürich 1994.
Jüdische Lebenswelt Schweiz. 100 Jahre Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (SIG), hg. vom SIG, Gabrielle Rosenstein et al., Zürich 2004.
Mächler, Stefan: Hilfe und Ohnmacht. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund und die nationalsozialistische Verfolgung 1933-1945, hg. vom SIG, Zürich 2005.

Inhalt und innere Ordnung

Bestandsinhalt

GeschäftsaktenProtokolle (Vorakten und konstituierende Versammlung 1902, 1904; Delegiertenversammlungen und Central-Comitee-Sitzungen ab 1908; Geschäftsausschuss 1932-1944; Geschäftsleitung ab 1944; Präsidentenkonferenzen ab 1973); Statuten; Jahresberichte; Finanzen; Soziales; Korrespondenz mit jüdischen Gemeinden; Beziehungen zu jüdischen Organisationen im In- und Ausland; Handakten bzw. Unterlagen einzelner SIG-Mitarbeiter
PersonendossiersAbba Eban, David Farbstein, Nahum Goldmann, Golda Meïr u. a.
Kulturelles/ReligiösesSchächtfrage, Koscherfleisch, Friedhöfe, Jüdische Schulen, Lehrer- und Kantorenverband, Beziehungen zu diversen kulturellen und religiösen Organisationen, Protokolle Kulturkommission u. a.
ProzesseEhrverletzungsklagen, Fall Mordechai Rachamim (Verfahren im Zusammenhang mit dem Anschlag auf ein El Al-Flugzeug auf dem Flughafen Kloten vom 18.2.1969), Fall Frauenknecht, Verstösse gegen die Rassismus-Strafnorm u. a.
JugendressortJugendorganisationen, Sportklubs, Veranstaltungen, Ferienkolonien, Jugendlager u. a.
Internationales / Intern. OrganisationenZionismus, Beziehungen zu Israel, "World Jewish Congress", JOINT, WIZO, O.R.T., OSE u. a.
Presse und Information"Jüdische Rundschau", "Israelitisches Wochenblatt" u. a.; Pressedokumentation "Judentum Schweiz" und "Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg"
Zweiter WeltkriegAufarbeitung der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg 1990er Jahre: Korrespondenz, Berichte, Gerichtsfälle, Restitutionen, Nachrichtenlose Vermögen, Dokumentationsmaterial
SozialesHilfe und Aufbau, Wiedergutmachung, Arbeitsvermittlung, Hilfsaktionen, Flüchtlingspolitik, Betreuung von Flüchtlingen und Bedürftigen, Heim Les Berges du Léman u. a.

Bewertung/Kassation

SIG-Archiv Ablieferung A: Grundsätzlich wurde das ganze historische Archiv des SIG als überlieferungswürdig betrachtet und dementsprechend alle Originalakten integriert.
SIG-Archiv Ablieferung B: nur teilweise übernommen wurde die SIG-eigene Pressedokumentation, hier wurden die Teile "Judentum Schweiz" und "Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg" für eine langfristige Archivierung ausgewählt. Kassiert wurden v.a. Einzelbelege der Buchhaltung sowie Dokumentationsmaterial von Dritten.

Ordnung/Klassifikation

SIG-Archiv Ablieferung A: Die Verzeichnung und Erschliessung des Bestandes orientierte sich strukturell an den vorhandenen Organigrammen und der überlieferten Ablage des SIG. Neben dem historischen Wissen zur Geschichte des SIG waren hierzu auch die institutionellen Akten (Jahresberichte, Protokolle, Statuten) hilfreich. Das 1998 übernommene SIG-Archiv ist von verschiedenen Projektgruppen etappenweise berabeitet worden. Die Arbeit ist 2006 abgeschlossen worden. Die ursprüngliche Verzeichnung erfolgte als reine Dezimalklassifikation. Nach der Erschliessung der Nachlieferungen von 2008, 2011 und 2015 wurden zur Unterscheidung der verschiedenen Generationen von Ablieferungen vor die Ziffern der Klassifikation die Buchstaben A, B etc. gesetzt.
SIG-Archiv Ablieferung B: Die Struktur der Ablieferung B orientiert sich grundsätzlich an der Ablieferung A, wobei jedoch Umbenennungen und Umgestaltungen von Ressorts Rechnung getragen wurde, so dass die Struktur des Archivs weitgehend mit den zum Zeitpunkt der Erschliessung existierenden Ressorts übereinstimmt (2016/2017). Eine Ausnahme bildet der Bereich Finanzen, der in der Archivstruktur nicht als eigenes Ressort existiert, sondern - analog zur Ablieferung A - dem Ressort Organisation und Verwaltung zugeordnet wurde. Folgende Spezifika der Ablage sind zu nennen: Im Gegensatz zu den Dossiers der Ablieferung A lagen die Dossiers der Ablieferung B umgekehrt chronologisch geordnet vor (das jüngste Dokumente zuoberst im Dossier). Diese Ordnung wurde übernommen. Die Korrespondenz des SIG mit einzelnen Mitgliedgemeinden wurde bis ca. 1991 in der allgemeinen Sekretariatskorrespondenz abgelegt (vgl. SIG-Archiv B.2.2.2) , parallel dazu gibt es jedoch ab 1990 unter der Rubrik "Mitgliedgemeinden" Jahresdossiers mit dem Titel "Korrespondenz einzelne Mitgliedgemeinden" (vgl. SIG-Archiv B.2.6.2). Die Korrespondenz von Hanna Zaidner, die zwischen den Generalsekretären Willy Guggenheim und Martin Rosenfeld die Geschäfte ad interim führte (November 1991 - August 1992), ist ebenfalls unter der allgemeinen Sekretariatskorrespondenz zu finden.

Zugang

Benutzbarkeit

Teilweise Gesuchspflichtig

Sprache(n)

Deutsch, Französisch, Englisch, Hebräisch, Italienisch

Findmittel

1999, 2007, 2008, 2018

Findmittel online

Ja

Verzeichniskontrolle

Bearbeitung im AfZ

Ablieferung A: Elisabeth Eggimann, Michael Funk, Claudia Hoerschelmann, Zsolt Keller
Ablieferung B: Céline Hotz, Rebekka Nordmann, Gaby Pfyffer, Philippe Ochsner

Vorverzeichnung

 

Findhilfsmittel

 

Untereinheiten

A.: Ablieferung A (Laufzeit ca. 1902-1985, "historisches Archiv")
B.: Ablieferung B (Laufzeit ca. 1986-2005)